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Souvenirs einer Reise

Barbara Buchmaier zu den Bildern von Kim Nekarda

 

Exkursion, Expedition, Tour, Fahrt, Trip oder Rausch: Das Reisen hat viele Dimensionen. Es bietet sich an, um Abstand zu gewinnen vom Alltag, ermöglicht uns, selbst zum Abenteurer zu werden, und provoziert geradezu die Hoffnung, eine andere Welt und vielleicht auch sich selbst als Anderen zu entdecken, in einem fremden Umfeld, das man beobachtet und in das man sich im Idealfall auch empirisch involviert. So ist Reisesehnsucht auf jeden Fall von der Urlaubsroutine zu unterscheiden.

 

Eine Reise anzutreten bedeutet jedoch nicht notwendigerweise, tatsächlich einen Zug, ein Schiff oder ein Flugzeug zu besteigen. Sie kann auch in Gedanken angehen. Auch eine Psychoanalyse kann man sich, quasi von der Couch aus, als Reise erklären, eine Reise in die eigene Vergangenheit, den Zustand, die Verortung des Ich.

 

Besonders literarische Reisetagebücher bieten sich als Medium an, Bilder von Reisen zu formulieren, Sehnsuchtsorte zu entwerfen oder aber reale Reise-Erfahrungen mit eigenen Vorstellungen, Vorurteilen und Prägungen abzugleichen. Gerade Ethnologen tasten in ihrer Forschung an diesem neuralgischen Punkt – zumindest sollten sie es, tragen sie doch eine große Verantwortung in der Vermittlung fremder Kulturen, wenn man die Ethnologie als Wissenschaft begreift, in der sich der Forscher mehr als in anderen Disziplinen auf persönlichste Weise verbürgt.

 

Selbst anwesend gewesen zu sein, vor Ort beobachtet und kommuniziert zu haben, mag dabei zu anderen Ergebnissen führen als die pure Imagination, die Konstruktion eines Ortes des nur in Gedanken Reisenden. Aber auch diese Art der Fortbewegung führte bis heute zu vielen lesenswerten Ergebnissen, in denen dann jedoch oft – zumindest unterschwellig – die eigene Abgeschlossenheit und Beziehungslosigkeit stärker zum Thema wird als die Aus-Formulierung und Bewältigung des Neuen, des Eigenen im Neu-Entdeckten.

 

Kim Nekarda, aus meiner Sicht in seiner Arbeit ein ständig Reisender, wählt einen Zwischenweg. Parallel zu unregelmäßigen realen Reisen betritt er Neuland, indem er sich, noch bevor er zu Malen beginnt, in bildgewaltige Literatur wie die von Herman Melville, Victor Segalen und W.G. Sebald, in aktuelle Forschungsliteratur sowie historische Expeditionsberichte und -tagebücher, wie die von Michel Leiris, versenkt. Als Motive für seine Bilder wählt er Sujets, die ihm sozusagen unterwegs begegnen. Er verarbeitet eigene und angelesene Erfahrungen und lässt daraus Eindrücke von Orten entstehen, zu denen er, wie die meisten von uns, ansonsten keinen Zugang hat. So bleibt er, bildlich gesprochen – etwa wenn er Tiere aus der Tiefsee wiedergibt oder Organe des menschlichen Körpers darstellt – selbst immer an der Wasseroberfläche oder oberhalb der Haut.

Es gibt eine andere Welt, aber sie ist in dieser“, mit diesem Diktum des surrealistischen Dichters Paul Eluard betitelte Nekarda seine letzte Einzelausstellung. Wichtig ist dabei jedoch, daß er als Maler nicht auf eine übernatürliche Sphäre verweisen und keine alternative Welt erfinden will, sondern immer auf Bilder und Phänomene aus Welten zurückgreift, die Teil der unseren sind, auch wenn sie nur schwer zugänglich oder noch nicht völlig erschlossen sind.

 

Und wenn ich nun hier über Kim Nekarda schreibe, reise ich selbst gewissermaßen durch seine Welt. Seine Bilder, aus denen meine eigenen entstehen, erscheinen mir dabei wie Souvenirs einer Reise, während der jemand imaginär in die Tiefsee getaucht oder weit in die Vergangenheit aufgebrochen ist, um über das Rätsel des eigenen Selbst zu reflektieren. Gleichzeitig erkenne ich in ihnen aber auch jemand, der das Ziel verfolgt hat, zu erkunden, wie man heute an Malerei herangehen kann – ohne nur strategisch die „richtigen“ Referenzen zu kombinieren.

In der malerischen Verarbeitung seiner Reise-Eindrücke wird deutlich, daß Kim Nekarda vielfach experimentiert und austestet, wie sich seine individuellen Erkenntnisse und Forschungsergebnisse besonders gut in Szene setzen lassen. Dafür wählt er diverse malerische Mittel und Effekte, wechselt zwischen Gegenstand und Abstraktion, und ist somit parallel natürlich auch immer als Passagier im weiten Universum der Kunstgeschichte unterwegs, ohne dabei jedoch nach einer Vaterfigur zu suchen.

 

Ein Element, das die Bilder von Kim Nekarda verbindet, ist ihr „Stempel“, der wie ein Authentizitätsbeweis, wie ein autobiografischer Vermerk erscheint. „I was here“, scheinen die unter den gegenständlichen Motiven mal mehr, mal weniger deutlich hervortretenden positiven wie negativen Körper- oder auch nur Hand-Abdrücke des Künstlers zu verkünden. Der ritualartige, selbstinszenatorische Akt, während dem sich Nekarda nackt auf den ungrundierten, von Falten durchzogenen Leinwandstoff legt, um sich mit Farbe abzudrücken, erscheint mir dabei wie ein weiterer Exkurs, ein Besuch in einer anderen Kultur, bei dem ich ihm geistig gerne folge. Man denke hier etwa in Richtung Höhlenmalerei, an die vielen „Höhlen der Hände“, unter anderem in Nordspanien, die laut der neuesten Forschungsergebnisse über 40.000 Jahre alt sind und als früheste Nachweise für die Anwesenheit des anatomisch modernen Menschen nach seiner Ankunft aus Afrika in Europa gelten – wenn sie nicht auf die Neandertaler-Menschen zurückgehen. Auch das wäre möglich.

Der Abdruck selbst – gewissermaßen eine Zwischenform von klassischer Repräsentation und Abstraktion der benutzten (Körper-)Vorlage – kann dabei als Verweis auf den spezifischen Künstlerkörper, aber auch als allgemeiner Verweis auf den Menschen, die Menschheitsgeschichte gelesen werden. Betrachtet der Künstler seinen Abdruck auf seinen Bildern im Nachhinein selbst – während der Produktion ist er ihm ja gegenüber quasi blind –, wird er sich möglicherweise wiederum selbst als einen Fremden sehen und so zum Objekt einer ethnographischen (Selbst)Analyse.

 

Aber nicht nur das. Im Verschmelzen-Lassen des Körperabdrucks mit zum Beispiel einer Koralle oder dem Abbild einer stark vergrößert dargestellten Versteinerung des Archaeopteryx findet auch eine Art von Parallel-Schaltung statt, (eine) Geschichte wird erzählt, Historiziät wird erzeugt, denn verschiedene Stufen und Aspekte der Zivilisation erscheinen hier als direkt miteinander verbunden. Nekarda stellt sich selbst mit seinem (Künstler)Körper in einen größeren Zusammenhang und verdeutlicht seine Auffassung, daß der Mensch auch nur ein Tier unter Tieren ist, Ergebnis einer seit Milliarden Jahren andauernden Evolution. Gleichzeitig macht er sich zum (blinden) Passagier seiner Bilder, weist uns darauf hin, daß seine eigene subjektive Perspektive die Grundlage für seinen Blick auf das Fremde, das Exotische, das Neue in seinen Bildern bestimmt.

Den Historifizierungs-Effekt steigert Nekarda mithilfe der bereits oben angedeuteten Methode, den Leinwandstoff vor dem Bemalen zu waschen, um ihn dann ungebügelt und ungrundiert weiterzubenutzen, wodurch die Oberfläche des knittrigen und unebenen Textils, in das die später aufgetragene Farbe etwa der Körperabdrücke nur unregelmäßig einwirken kann, den Charakter einer aus mehreren horizontalen und vertikalen Schichten bestehenden geologischen Formation, einer prähistorischen Höhlenwand nicht unähnlich, erhält. So entsteht der perfekte Hintergrund für Nekardas mysteriöse Selbstinszenierung im Bild.

 

Wie anregend ist es doch, wenn man die Kunst als Vehikel begreift, poetisch-existenzielle Fragen zu stellen. „Von einem Rätsel zum andern“ lautet passend der Titel der Ausstellung, zu der dieser Text erscheint: geradezu eine Einladung, das Hier- und Jetzt zu verlassen und auf den Spuren des Künstlers neue Perspektiven auf die Welt, auf das eigene Selbst zu finden.

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