Roman Gysin

<   Picobello   >

„ ...ainfache objekte entfalten klare mekanik ires ershainens

 vnterainander   in der saite

 sensationen verden fom zvshauer gefvnden gebildet gedacht 

 avch bedoitvngen    avs gevonhait...“ 

 Dieter Roth

 

Es gibt Künstler, die ganz der Tradition verhaftet mit Farben auf Malgründen oder mit Stein und Ton arbeiten. Dann gibt es Künstler wie Roman Gysin, der als Sammler und Jäger immer wieder neue Materialien aufspürt, um deren erzählerisches Potential für sich nutzbar zu machen.

 

„Ein Sachensucher ist jemand, der Sachen findet“ ist die einfache Antwort von Pippi 

Langstrumpf auf Tommis und Annikas Frage. Sie offenbart uns dabei, dass die Kunst nicht im Suchen, sondern im Finden liegt –

ein Künstler findet, er sucht nicht.

Mit Fundstücken aus Müll der Zivilisation und dem Schwemmgut der Natur schafft Roman hochdekorative, fetischhafte Werke. Er verbindet Stoffe, Steine, Hölzer, Pappmaché ... zu 

Objekten in raumgreifenden Installationen. Gefüllt mit seinen Geschichten sind sie die 

Stellvertreter seiner künstlerischen Haltung. Sicher sind auch die oben genannten Materialen in der Kunst nichts Unbekanntes. Spätestens nach Dieter Roth ist alles, was es gibt, kunstwürdig. 

 

Die Zeiten, in denen ein Künstler ein Material oder gar künstlerische Gedanken allein besetzt, sind Gott sei Dank vorbei. „You are not alone“ ist das Credo unserer Zeit – sich dessen bewusst zu sein, befreit den Künstler vom Druck, einzigartig oder gar originell zu sein.

Wenn die Kunst beginnt, eigenständig Geschichten zu erzählen, die der Künstler selbst nicht zu denken gewagt hätte, hat der Künstler Glück gehabt. Manche sind echte Glückspilze, so auch Roman Gysin.

There are artists who are completely in the tradition of working with paints on painting surfaces, or with stone and clay. Then there are artists like Roman Gysin, who as a collector and hunter always finds new materials to track their narrative potential.

 

„A ‚Thingsearcher‘ is someone who finds things“ is Pippi Langstrumpf‘s simple answer to 

Tommi‘s and Annika‘s question. It reveals to us that art is not in searching, but in finding - an artist finds, he does not seek.

With his finds from the garbage of civilization and degraded materials of nature, he creates highly decorative, fetish works. He combines fabrics, stones, wood, paper mache ... forming objects in his extensive installations. Filled with stories, they are the protagonists of his artistic attitude. Of course, the above-mentioned materials are not unknown in art. At least since Dieter Roth, it can be worth it to make art of everything.

 

The times when an artist engages only a material, or even artistic thoughts alone, are fortunately over.

"You are not alone", is the credo of our time – the knowledge of this frees the artist from the pressure of being unique or even original. 

When the art begins to tell stories independently of the artist, which they would not have dared to think, that artist is lucky.

Some are very lucky ducks. Roman Gysin is one of them.

 

 

Patrick Huber 

translation Kyle Fitzpatrick

Å+ freut sich, neue Arbeiten des Schweizer Künstlers Roman Gysin zu zeigen, die beim ersten Betrachten durch ihrer Homogenität auffallen, sind die Formen doch aus dem gleichen Material mit verwandten Oberflächen geschaffen.

Bezeichnend für die Arbeiten Roman Gysins ist ihr narratives Moment, denn sie rufen beim Betrachter eine eigene Fiktion auf, die ihn gewissermaßen zwingt, selbst kreativ zu werden. Der Rezipient gibt ihrer Wirkung seine individuelle Ausdeutung. Die groben aber dennoch bestimmten Pappmaché-Arbeiten wirken einerseits wie Trümmer oder von der Zeit geprägte Fragmente von etwas Größerem, Artifiziellem und sind doch sich selbst überlassen. Andererseits erscheinen sie wie ein fremdartiger Organismus und geben darüber hinaus Verweise darauf, dass sie hergestellt sind. Sie legen also eine Betonung auf ihren schöpferischen Ursprung. Ganz wie Pilze oder Moose, die ein natürliches Eigenleben auf den Fragmenten führen, erstrecken sich die grauen Strukturen über die Formen. So folgt Gysin im Grunde einem romantischen Motiv der sich selbst überlassenen Natur in Überresten menschengeschaffener Formen und steht so ganz in der Tradition der Ruinenästhetik, die in ihrer Gestalt von Gysin weitergeführt wurde und fragmentarisch ihre narrative Wirkung entwickelt.

Im Vordergrund stehen offensichtlich das Material und die Beschaffenheit der Objekte. Durch die Bearbeitung entstehen Werke mit einer bemerkenswerten Oberflächenstruktur, die ihnen die Möglichkeit verschafft ihr bildnerisches Potential zu entfalten. So handelt es sich nicht mehr um das Material an sich, sondern um die Formung, die ihre eigene Ausdeutung fordert. Die so entstandene Erzählung wird dabei nicht konkret, sondern wirkt eigenständig durch das Material.

Offenkundig strebt Gysin unter keinen Umständen nach einem herkömmlichen Perfektionsbegriff. Die schmutzig und zurückgelassen erscheinenden Objekte werfen die Frage nach dem Stellenwert der Natur in der Gesellschaft auf. Handelt es sich um Abfall oder Überreste, die längst der Natur überlassen sind?

Ohne eine Wertung sucht Roman Gysin nach der Schönheit in diesem Wirken zwischen Artifiziellem und Ungebändigtem. Bei Å+ präsentiert er eine Werkgruppe, die in diesem nicht zu unterschätzenden Spannungsfeld anzusiedeln ist, und erklärt den Betrachter zum Erzähler seiner Geschichte.

Å + is pleased to present new works by the Swiss artist, Roman Gysin. Striking at first sight by their homogeneity, the forms are created from like-materials and related surfaces. Characteristic of the works of Roman Gysin are his narrative moments, for they call upon the viewer to create a fiction of his own, compelling him to become creative. The effect is that the recipient is given an individual interpretation. The coarse but nevertheless certain papermade works on the other hand, act as fragments alone, or fragments of a larger, more artificial kind left to themselves. At the same time, they appear like an alien organism and also provide references to the fact that they are man-made. The emphasis is on creative origin. Just like mushrooms or mosses, which lead a natural life on the fragments, the gray structures extend over the forms. Thus, Gysin follows a romantic motif of nature left to itself in remnants of man-made forms, and so entirely in the tradition of „ruin aesthetics“, which has been furthered in their forms by Gysin and develop narrative effect in a fragmentary way.

The focus is obviously on the material and the nature of the objects. The work creates a remarkable surface structure that gives them the opportunity to develop their pictorial potential. This is no longer the material itself, but form which demands its own interpretation. The narrative thus produced is not concrete, but acts independently through the material.

Obviously, Gysin never strives for a conventional concept of perfection. The objects that are dirty and left behind raise the question of the importance of nature in society. Is it a waste or remnant that has long been left to natures own devices?

Without a valuation, Roman Gysin looks for beauty in this work between the artificial and unruly. At Å +, he presents a group of works, which must be located in this non-underestimated stress field, and allows the viewer to become narrator of his/her own story.

 

 

 

 

 

 

 

Otto Bonnen

translation Kyle Fitzpatrick

Download - Roman Gysin - PDF
Roman Gysin - Dossier.pdf
PDF-Dokument [20.2 MB]
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Å+, All rights reserved