Christin Kaiser

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Christin Kaiser – Künftige Ruinen (Future Ruins)

 

Die neuen Tempel haben schon Risse (The new temples already have cracks)

Künftige Ruinen (Future Ruins)

Einst wächst Gras auch über diese Stadt (One day, this city will also be overgrown)

 

– Einstürzende Neubauten: Die Befindlichkeit des Landes (The country's state of mind)

 

 

Let us consider the city as a place of overlapping layers: here, relics from past centuries and decades are cramped together with current trends and the latest innovations. The city is filled with traces left by people, wars, invasions, social upheaval, subcultures, artists and politics. Here, every generation tackles anew the questions of how we want to live together as a community, and how we wish to use the buildings around us. How are we shaped by architecture? How do we perceive and engage with it?

 

For her second solo exhibition at Åplus, Christin Kaiser has brought together a number of new works that examine aspects of the architectural and the urban from different perspectives.

 

The ancient thermal baths Caracalla in Rome form the starting point for Christin Kaiser's sculpture Center Arc. The artist has transferred a fragment of the ruin, a piece of wall with a rounded arch, into textile in the form of a quilt. In this work, considerations on building refurbishment (keyword: thermal insulation) merge with the architectural theory of Gottfried Semper, who understood the shell, i.e. the exterior of a building, to be its “clothing”. The Caracalla thermal baths opened in 216 A.D. and were one of the largest built in the Roman Empire. In addition to the bathing facilities, in which there was room for several thousand bathers at a time, the gigantic halls also housed theatres, hairdressers, sports facilities and libraries. The baths were accessible to all citizens free of charge, and thus became the focal point of public life—sumptuously decorated wellness architecture for the people. The work's title also refers to the Dutch holiday park chain Center Parcs, which has been offering family holidays in tropical bathing paradises “not far from home” since the 1950s.

 

Another element of ancient architecture is taken up in the work Dorischer Ärmel (Dorian Sleeve), which melds a Dorian column (as known, for example, from Greek temples) with a sleeve. The sleeve, as an article of clothing or a person's “second skin”, nevertheless retains its characteristic shape despite the enormous enlargement, and thus defies the strict symmetrical rules of column construction. The use of padded fabric further underlines this conversion. The column becomes a soft tube, leaving nothing of the architecture but a shell, reminiscent of a puffy down jacket, that, without the support of a wearer,  collapses in on itself.

 

As an analogy to the skin of a building, tree bark becomes the focus of the series entitled Baumwall (Tree Wall).

In the foreground of black-and-white photographs, the bark is blurred into an almost ornamental structure, behind which in-focus but largely hidden architectural fragments can be seen. One image is of the Haus der Kunst in Munich, and the other of two residential buildings in Berlin-Friedrichshain built by the architect Hans Scharoun. Both buildings—as different from each other as they may be—were classified as so “problematic” by subsequent generations that it was decided to hide them by planting a row of trees. The modernist architecture of Scharoun's Laubenganghäuser (1949-51) was incompatible with socialist ideas of architectural aesthetics as described in the “16 principles of urban development”. In the case of the Haus der Kunst (1933-37), built in Munich as a prime example of monumental Nazi architecture under personal supervision by Adolf Hitler, attempts were made in the 1970s to temper its presence by planting a row of linden trees in front of the main facade. Both examples illustrate the ideological and political dimensions that architecture can have, and how following generations respond to them. Furthermore, the works showcase how architectural and urban planning heritage is handled, which is also currently widely discussed.

 

The exhibition “Künftige Ruinen” (Future Ruins) thus addresses several questions: about a building's interior and exterior, how both are subject to continuous changes, and what remains. It asks how that which remains affects those who, decades and centuries later, should live, study and work in the architectural shells designed long ago. The exhibition also investigates how we perceive architecture and the urban space around us, and how we want to redesign it according to the possibilities available to us. Not least, questions of ecological and social strategies can be raised, addressing issues that ensure a long, sustainable and healthy life for us and for future generations.

 

 

Text: Katharina Wendler

Translation from the German: Sarah Dudley

Christin Kaiser – Künftige Ruinen

 

Die neuen Tempel haben schon Risse

Künftige Ruinen

Einst wächst Gras auch über diese Stadt

 

– Einstürzende Neubauten: Die Befindlichkeit des Landes

 

 

Betrachten wir die Stadt einmal als Ort der Überlagerung: Hier finden sich auf engstem Raum Relikte aus vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten genauso wie die neusten Trends und Innovationen der Jetztzeit. Hier haben Menschen, haben Kriege, Eroberungszüge und gesellschaftliche Umstürze, haben Subkulturen, Künstler*innen und Politik Spuren hinterlassen. Hier werden die Fragen danach, wie wir als Gemeinschaft zusammenleben und die Häuser um uns herum nutzen wollen, von jeder Generation neu gestellt. Wie werden wir von Architektur geprägt? Wie nehmen wir sie wahr und wie gehen wir mit ihr um?

 

In ihrer zweiten Einzelausstellung bei Åplus versammelt die Künstlerin Christin Kaiser eine Reihe neuer Arbeiten, die aus verschiedenen Perspektiven Aspekte des Architektonischen und Urbanen in den Blick nehmen.

 

Die antike Thermenanlage Caracalla in Rom bildet den Ausgangspunkt für Christin Kaisers Skulptur Center Arc. Ein Fragment der Ruine, ein Stück Mauer mit Rundbogen, hat die Künstlerin in Form einer Steppdecke ins Textile übertragen. In der Arbeit verschmelzen Überlegungen zu Modernisierungsmaßnahmen (Stichwort: Wärmedämmung) und der Architekturtheorie von Gottfried Semper, der die Hülle, also das Äußere eines Gebäudes, als dessen ‚Bekleidung‘ begriff. Die Caracalla Therme, 216 n. Chr. eröffnet, war eine der größten, die im römischen Reich erbaut wurden. In ihren gigantischen Hallen waren neben dem Badebetrieb auch Theater, Frisöre, Sportanlagen und Bibliotheken untergebracht und es fanden mehrere tausend Badegäste gleichzeitig darin Platz. Die Therme, die allen Bürger*innen kostenfrei zugänglich war, wurde so zum Dreh- und Angelpunkt des öffentlichen Lebens – eine prunkvoll ausstaffierte Wellness-Architektur fürs Volk.

Der Titel der Arbeit verweist zugleich auf die niederländische Ferienparkkette Center Parcs, die seit den 1950er Jahren Familienurlaub in tropischen Badeparadiesen „nicht weit von Zuhause“ verspricht.

 

Ein weiteres Element antiker Baukunst ist in der Arbeit Dorischer Ärmel aufgegriffen, die eine Säule dorischer Ordnung (wie man sie beispielsweise aus griechischen Tempelanlagen kennt) mit einem Ärmel verbindet. Der Ärmel, als Element von Kleidung bzw. der „zweiten Haut“ des Menschen, behält in seiner enormen Vergrößerung dennoch seine charakteristische Form bei und widersetzt sich so den strengen symmetrischen Regeln des Säulenbaus. Die Verwendung von wattiertem Stoff unterstreicht diese Umkehrgeste noch zusätzlich. Die Säule wird zum soften Schlauch und von der Architektur bleibt nur die Hülle, die, ähnlich zu einer Daunenjacke, ohne Träger*in fluffig in sich zusammenfällt.

 

Analog zur Gebäudehaut rückt in der Serie Baumwall die Rinde von Bäumen ins Blickfeld, die im Vordergrund der Schwarz-Weiß-Fotografien zu einer beinah ornamenthaften Struktur verunschärft ist. Dahinter, zwar fokussiert jedoch weitestgehend verdeckt, lassen sich Fragmente von Architektur erkennen. Es handelt sich zum einen um das Haus der Kunst in München und zum anderen um zwei Wohnhäuser des Architekten Hans Scharoun in Berlin-Friedrichshain. Beide Gebäude, so unterschiedlich sie auch sein mögen, wurden von Folgegenerationen als so ‚problematisch‘ eingestuft, dass man sich dafür entschied, sie durch das Pflanzen einer Baumreihe zu verstecken. Die modernistische Architektur von Scharouns Laubenganghäusern (1949-51) war mit den „16 Grundsätzen des Städtebaus“,

den sozialistischen Vorstellungen von Bauästhetik, nicht vereinbar. Im Falle vom Haus der Kunst (1933-37), als Paradebeispiel für monumentale NS-Architektur unter persönlicher Beteiligung Adolf Hitlers in München erbaut, versuchte man in den 1970er Jahren dessen Präsenz durch die Anpflanzung einer Reihe Linden vor der Hauptfassade abzumildern.

Beide Beispiele verdeutlichen die ideologische bzw. politische Dimension, die Architektur haben kann, und wie sich nachfolgende Generationen dazu positionieren. Gleichzeitig stehen sie exemplarisch für den Umgang mit architektonischem und städtebaulichem Erbe, wie er auch aktuell vielfach diskutiert wird.

 

Die Ausstellung „Künftige Ruinen“ geht also gleich mehreren Fragen nach: Sie fragt nach dem Innen und dem Außen von Gebäuden und danach, wie beides kontinuierlichen Veränderungen unterliegt. Sie fragt nach dem, was bleibt. Und wie sich das, was bleibt, auf diejenigen Menschen auswirkt, die noch Jahrzehnte und Jahrhunderte später in den einst gestalteten architektonischen Hüllen leben, lernen und arbeiten sollen. Sie fragt aber auch danach, wie wir Architektur und den uns umgebenden Stadtraum wahrnehmen und nach unseren Möglichkeiten umgestalten wollen. Nicht zuletzt kann sie auch die Frage nach ökologischen und sozialen Strategien aufwerfen, die uns und den nachfolgenden Generationen ein nachhaltiges, langes und gesundes Leben in den Städten überhaupt erst ermöglichen.

 

 

Text: Katharina Wendler

Dear Christin,

 

I couldn’t stop thinking about trees and ruins after our talk. Ruins may be beautiful, sad, powerful, hostile, and tragic. Often, they are a bit scary, as if they’re haunted. Sometimes they also seem a bit useless and ridiculous, as monuments of past failures and shortcomings: a lonely pillar, and the remains of a wall, that have stayed, stubbornly waiting for the rest of the house to return.

 

Just because something has lost its function does not mean that it is useless. On the contrary, I think that things that are poor in function often are rich in meaning. Consequently, things that are designed to perform certain functions perfectly, are one-dimensional. They are too smooth, too smart, too perfect, and far too user-friendly to be meaningful. They don’t become ruins when they break, they just become waste. There is no point in saving them when they no longer perform. In the long run, I fear that these kinds of objects will make us blind to meanings, blind to nature, and blind to art.

 

Ruins are there to remind us of something. Not only of their past. More importantly, they remind us that it is not function that matters most, but meaning. I guess that is why the romantics where so fond of ruins. They didn’t have the desire to explain everything constantly. Instead, they cherished the enigmatic and unintelligible, in short: the meaningful. Children have the same attitude towards their surroundings, they know that play and imagination is much more fun and meaningful than facts and explanations.

 

The ruins in colourful tech-fabric that you showed me yesterday – the pillar and the arch – are unlike all other ruins I’ve seen before. They make me not only think about Caspar David Friedrich and lost times, but they also make me think about expeditions and amusement parks. They are the happy ruins of the future, forward-looking and welcoming.

 

I think it is time to radically change our view on the ruin. I think that the ruins in cities have a similar meaning as fallen, old trees in forests. They nourish their surroundings; they offer shelter for other creatures and organisms and a refuge for imagination. Cities without ruins are not cities at all; one cannot delete a city’s past without simultaneously deleting its future.

 

Soon after our conversation yesterday, I read a piece by John Ruskin, The Lamp of Memory from 1885. He is disgusted by our lack of care towards our built environments, but he also detests the restoration of buildings. ”The thing is a Lie, from beginning to end,” he wrote. I think he was totally right. Ruins must be allowed to remain ruins, as living memories, until they disappear by themselves.

 

My best,

Jens

 

Letter from Jens Soneryd to Christin Kaiser, Künftige Ruinen, Åplus Berlin

A conversation between Christin Kaiser and Katharina Wendler:  www.in-conversation-with.com

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